„Wir wollen unsere Prozesse automatisieren“ ist ein guter Vorsatz und ein schlechter Projektauftrag. Die eigentliche Frage ist immer dieselbe: Welcher Prozess zuerst? Hier das Priorisierungs-Framework, das wir dafür seit Jahren benutzen.
Der typische Ausgangspunkt: Nach einem Rundgang durchs Unternehmen liegen fünfzehn Kandidaten auf dem Tisch — vom Angebots-PDF bis zur Urlaubsverwaltung. Budget und Aufmerksamkeit reichen für einen, vielleicht zwei. Wer jetzt nach Bauchgefühl oder nach der lautesten Abteilung entscheidet, automatisiert mit hoher Wahrscheinlichkeit das Falsche.
Die schlechte Nachricht vorweg: Es gibt keinen Prozess-Katalog, der die richtige Reihenfolge für euch kennt. Was in einer Kanzlei der teuerste Handgriff ist, ist im Maschinenbau eine Randnotiz. Die gute Nachricht: Man braucht keinen Katalog — nur drei Zahlen pro Kandidat und einen Nachmittag Ehrlichkeit.
Schritt null: die Kandidatenliste ehrlich füllen
Bevor priorisiert werden kann, muss die Liste stimmen — und die entsteht nicht im Konferenzraum. Die ergiebigste Methode, die wir kennen: einem einzelnen Vorgang physisch durchs Haus folgen. Ein Beleg, ein Auftrag, eine Anfrage — vom Eingang bis zum Abschluss. Jede Stelle, an der etwas ausgedruckt, abgetippt, umkopiert oder per Zuruf weitergegeben wird, ist ein Kandidat. Nach zwei solcher Rundgänge ist die Liste voller, als das Budget je sein wird.
Zweite Quelle: die Genervten fragen. „Was ist die dümmste Tätigkeit in deiner Woche?“ ist unhöflich formuliert und liefert trotzdem zuverlässig die besten Antworten. Die Leute, die einen Prozess täglich ausführen, kennen seine Bruchstellen besser als jedes Prozessdiagramm.
Das Framework: Häufigkeit × Regelhaftigkeit × Schmerz
Wir bewerten jeden Kandidaten auf drei Achsen, jeweils mit 1 bis 5 Punkten, und multiplizieren die Werte. Klingt banal — der Wert steckt darin, dass die Multiplikation gnadenlos ist.
- Häufigkeit. Wie oft läuft der Prozess? Täglich mehrfach = 5, einmal im Quartal = 1. Automatisierung ist ein Stückkosten-Geschäft: Der Aufwand ist fix, der Nutzen skaliert mit jeder Wiederholung.
- Regelhaftigkeit. Läuft er jedes Mal gleich ab, mit klaren Regeln — oder steckt in jedem Fall Ermessen? Ein Prozess, den man einer neuen Kollegin in einer Stunde beibringen kann, ist ein 5er. Einer, für den man „Erfahrung braucht“, ein 2er.
- Schmerz. Was kostet der Prozess heute — in Stunden, Fehlern, liegen gebliebenem Umsatz oder im Frust der Leute, die ihn ausführen? Hier hilft eine ehrliche Wochenrechnung mehr als jedes Bauchgefühl.
Warum multiplizieren statt addieren? Weil eine Eins in irgendeiner Dimension das Projekt zu Recht killt. Der Jahresabschluss tut weh (Schmerz 5), ist aber selten (Häufigkeit 1) — Automatisierung lohnt kaum. Die Reisekosten-Freigabe ist häufig, aber voller Ermessen — ein Modell kann raten, entscheiden muss trotzdem ein Mensch. Die Gewinner sind fast immer die unspektakulären Prozesse: täglich, stumpf, nervig.
Der zweite Vorteil der Multiplikation: Sie zwingt zur Diskussion über die Bewertung statt über Meinungen. Ob die Regelhaftigkeit eines Prozesses eine Drei oder eine Vier ist, lässt sich am konkreten Fall klären — ob man ihn „wichtig findet“, nicht. Wir haben Scoring-Runden erlebt, in denen genau diese Verschiebung den Ton der ganzen Digitalisierungs-Debatte verändert hat.
Praktisch machen wir das als 30-Minuten-Übung mit den Leuten, die die Prozesse tatsächlich ausführen — nicht nur mit der Geschäftsführung. Die Punktwerte sind grob, und das ist in Ordnung: Es geht nicht um Nachkommastellen, sondern darum, dass Platz 1 und Platz 10 sichtbar werden.
Beim Schmerz-Wert lohnt sich ein Zwischenschritt: nicht schätzen, sondern eine Woche lang zählen. Eine simple Strichliste — wie oft lief der Prozess, wie lange hat er gedauert — schlägt jede Diskussion. Wir haben mehrfach erlebt, dass der gefühlte Spitzenreiter nach einer Woche Strichliste auf Platz vier lag und ein unauffälliger Alltagsprozess ganz oben.
Beispiel 1: Die Dokumenten-Brücke in der Steuerkanzlei
Belege, Lohnzettel und Bescheide von Papier und Mail in die Kanzleisoftware bringen: Das läuft in einer Kanzlei täglich (Häufigkeit 5), nach immer gleichen Regeln — Betrag, Datum, Mandant, Kategorie (Regelhaftigkeit 5) — und es bindet pro Fachkraft schnell zwei Stunden am Tag, aufs Jahr gerechnet rund zehn Arbeitswochen (Schmerz 4 bis 5). Kaum ein Prozess, den wir kennen, kommt auf einen höheren Produktwert. Genau deshalb ist die Dokumenten-Automatisierung bei uns ein eigenes, produktisiertes Angebot geworden.
Das Muster dahinter ist übertragbar, weit über Kanzleien hinaus: Dokument kommt an, Felder werden gelesen, dem richtigen Vorgang zugeordnet, strukturiert abgelegt — und ein Mensch prüft nur noch die unsicheren Fälle statt alle.
Beispiel 2: Kleinaufträge im SHK-Betrieb
Zweites Beispiel, andere Branche: In Sanitär- und Heizungsbetrieben bleiben Kleinaufträge liegen — schnell erledigt, nie sauber erfasst, nie abgerechnet. Der Prozess „Leistung erfassen und abrechnen“ läuft ständig (5), ist hochgradig regelhaft (5), und der Schmerz ist besonders ehrlich messbar: Es ist Umsatz, der bereits erarbeitet wurde und trotzdem fehlt. Unsere SykaSoft-Schnittstelle setzt genau dort an — erfassen auf dem Handy des Monteurs, strukturiert übergeben an die Software, die der Betrieb ohnehin nutzt.
Interessant an diesem Fall ist die Schmerz-Dimension: Sie taucht in keiner Stundenrechnung auf, weil die Arbeit ja längst getan ist — nur die Rechnung fehlt. Genau solche Prozesse übersieht die Bauchgefühl-Priorisierung systematisch. Der Monteur empfindet beim Nicht-Aufschreiben keinen täglichen Schmerz, im Gegenteil: Es ist bequemer. Erst die Multiplikation aus Häufigkeit und entgangenem Umsatz macht sichtbar, dass hier einer der teuersten Prozesse des Betriebs liegt.
Automatisieren heißt übrigens nicht automatisch KI
Weil 2026 jede Automatisierungs-Diskussion sofort bei KI landet, zur Klarheit: In drei von vier Fällen ist der Hebel eine saubere Schnittstelle, ein Importer oder ein Cron-Job — Technik, die seit zwanzig Jahren funktioniert und entsprechend günstig zu haben ist. KI kommt bei uns dann ins Spiel, wenn unstrukturierte Eingaben gelesen werden müssen: ein fotografierter Beleg, eine Sprachnotiz, eine formlose Mail. Das Kriterium bleibt dasselbe wie bei jedem Feature — spart es Klicks und Stunden, oder ist es Show?
Was nicht zuerst kommt
Genauso wichtig wie die Gewinnerliste ist der Mut, den Rest liegen zu lassen. Vier Kandidaten-Typen, die wir regelmäßig aussortieren:
- Seltene Prozesse — auch wenn sie spektakulär nerven. Was einmal im Jahr weh tut, ist billiger als jede Software.
- Prozesse voller Ermessen. Wo in jedem zweiten Fall ein Mensch abwägen muss, automatisiert man nur den Papierweg — und der ist selten das eigentliche Problem.
- Prozesse, die sich gerade ändern. Erst stabilisieren, dann automatisieren. Software friert den Ist-Zustand ein.
- Prestige-Projekte. Das KI-Dashboard für die Geschäftsführung verliert in jedem ehrlichen Scoring gegen den Beleg-Importer — man muss nur ehrlich rechnen.
Das Aussortieren ist übrigens keine Absage für immer. Prozesse wandern: Was sich dieses Jahr noch monatlich ändert, ist nächstes Jahr vielleicht stabil — dann darf es zurück auf die Liste. Die Priorisierung ist eine Momentaufnahme, kein Urteil.
Der pragmatische Start
Wenn der erste Kandidat feststeht, fangt klein an: ein Patch neben dem Bestandssystem, nicht der große Umbau. Der erste automatisierte Prozess liefert zwei Dinge, die kein Konzeptpapier liefern kann — Vertrauen im Team und echte Zahlen darüber, was Automatisierung bei euch tatsächlich spart. Beides macht Projekt Nummer zwei leichter, billiger und unpolitischer.
Und: Messt vorher. Die Strichliste aus der Priorisierung ist zugleich eure Baseline. Wer weiß, dass der Prozess vor der Automatisierung elf Stunden pro Woche gekostet hat, kann nach acht Wochen eine ehrliche Zahl danebenlegen — und hat damit das Argument für Projekt Nummer zwei, das keine Folienpräsentation ersetzen kann.
Wie wir solche Projekte einschätzen — zwei Stunden Gespräch, danach eine schriftliche Festpreis-Skizze mit Größenordnung — steht auf unserer Studio-Seite. Und falls euer Platz-1-Kandidat einer der beiden von oben ist: Für Dokumente und SykaSoft gibt es die Abkürzung als fertiges Paket.